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Feiertage

Feiertage sind im Leben jedes Kindes sehr wichtige Ereignisse. Im Leben der jungen Brigitte war dies nicht anders. Für Weihnachten gab zeichnete sie viele Bilder und schrieb Karten für ihre Pflegefamilie. 

Sechseläuten war für die angehende Schauspielerin eine Möglichkeiten sich zu verkleiden. Schöne Kleider und Hüte, was will man mehr?

Weihnachten

O heiliger Abend, 
mit Sternen besät, 
wie lieblich und labend 
dein Hauch mich umweht! 
Vom Kindergetümmel, 
vom Lichtergewimmel 
auf schau ich zum Himmel 
im leisen Gebet. 

Da funkelt's von Sternen 
am himmlischen Saum, 
da jauchzt es vom fernen, 
unendlichen Raum. 
Es singen mit Schalle 
die Engelein alle, 
ich lausche dem Halle, 
mir klingt's wie ein Traum. 

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Karl Friedrich von Gerock 

 

Ach, war die Weihnachtszeit schön. Überall in der Stadt hingen Lichtlein und die Läden stellten die bezauberndsten Sachen in ihre Schaufenster. Als Mami Anita und Brigit zum Einkaufen mitgenommen hatte, hatten die Mädchen die Leckereien im Fenster der Konditorei gesehen und die Mäntel und Hüte in den Fenstern der Modehäuser.  

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Am besten hatten ihnen natürlich die Spielzeuggeschäfte gefallen, in denen zur Adventszeit alles aufgereiht war, was die Kinderseele entzückte.  

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In der Schule hatten sie Scherenschnitte gebastelt, um die Fenster zu dekorieren und am Tag vor Heiligabend durften die Kinder sich in der Küche zu Hause die Schürzlein umbinden und Guetzli gebacken.  

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Anita, Dieter und sie bekamen alle ein Stück Teig, das sie auswallen und mit den Guetzliformen ausstechen durften. Zuerst buken sie Mailänderli und danach Lebkuchen, in der Form von Herzen, Sternen und Kleeblättern.  

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Trotz der Schürzen hatten sie alle Mehl auf den Röcken, in den Haaren und im Gesicht. Mami hatte ihnen «kleine Weihnachtsgeister» gesagt und ihnen Servietten gegeben, um sich abzuwischen.  

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Alle zusammen hatten sie in den Ofen geschaut und den Duft des Gebäcks geschnuppert, der in der Luft hing.  

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Es war mollig warm und gemütlich, Onkel Max erzählte lustige Geschichten von Weihnachtsgespenstern, die in der Nacht erschienen und bösen Leuten zeigten, dass man Gutes tun sollte und von Nussknackern, die mit Mäusesoldaten kämpften.  

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Den Kindern gefielen die Erzählungen so sehr, dass sie beschlossen, gleich nach dem Probieren der frischgebackenen Süssigkeiten nach oben zu laufen und Weihnachtsgeschichten zu spielen. Bald darauf klingelte die Ofenuhr und Mami zog sich die Backhandschuhe an, zog das Blech sorgfältig aus dem Ofen und stellte es auf den Herd.

 

Dieter wollte schon nach einem Mailänderli greifen, da hielt ihn Onkel Max an der Schulter fest und schüttelte den Kopf. «Das ist noch zu heiss, du verbrennst dir noch die Finger.» Er holte fünf kleine Teller aus dem Geschirrschrank und Mami legte einen Lebkuchen und ein Mailänderli darauf.  

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Danach verteilte Onkel Max sie und alle nahmen einen Biss. Das Gebäck war warm und weich und zerging auf der Zunge.  

Etwas später wühlten die Kinder durch ihre Schränke um passende Verkleidungen zu finden. Anita hatte verkündet, sie wolle eine Süssigkeitenprinzessin sein, wie in der Geschichte des Nussknackers. Nun stand sie im rosa Rock in der Mitte des Zimmers und hielt den goldenen Sternenanhänger vom Baum in den Händen, während Dieter und Brigit in weissen Tüchern umhergeisterten und hin und wieder stolperten, was sie alle zum Lachen brachte.  

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Lebhaft sprangen sie durchs Haus und dachten sich wilde Geschichten aus, mal mit Geistern, mal mit Rittern und Burgfräulein. Abends fielen sie todmüde ins Bett und freuten sich auf Heiligabend. 

 

Als die Kinder endlich in die Stube durften, waren sie ganz aufgeregt. Leise Weihnachtsmusik war zu hören und die Kerzen auf dem Adventskranz leuchteten mit den Gesichtern der Kinder um die Wette.  

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Der Tisch war hübsch gedeckt mit grünen Servietten und verzierten Tellern. Das ganze Haus war mit Wärme und Geborgenheit erfüllt. Auch um Brigits Herz war es warm. So warm, dass sie nicht aufhören konnte zu grinsen und zu lachen, als scheine ihr das Adventslicht aus dem Herzen. Sie grinste beim Singen der Weihnachtslieder, lachte beim Auspacken der Geschenke und kicherte beim Erzählen während des Abendessens. 

 

Am nächsten Morgen war Brigit allein im Kinderzimmer. Der Trubel des unteren Stockes drang durch die halbgeöffnete Tür ins Zimmer. Dort sass sie am kleinen Tischchen und schrieb emsig. Ihre rechte Hand hatte schon Spuren vom Grün und Gelb der Farbstifte angenommen, als sie den Tannenbaum und den Stern gezeichnet hatte.  

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Der hübsche kleine Krämerladen aus Holz, der am Tag zuvor unter dem Baum gelegen hatte, stand in der Ecke neben ihrem Bett. Anita und sie hatten schon eifrig damit gespielt, es machte einen Heidenspass, die geschnitzten Äpfel und Birnen in die kleinen Körbchen zu legen und Kauffrau zu spielen.  

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Für Mami hatte sie ein schönes Bild gezeichnet mit einem Christbaum und vielen Schmetterlingen, da hatte Mami sich gefreut.  

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Von Tante Ida war auch ein Päckli angekommen, darin waren zwei Christbaumanhänger gewesen, ein Herz und ein Stern, die durfte sie an den Baum hängen. Mami hatte Brigit gesagt, sie solle doch zum Dank ein Brieflein schreiben, dass das die sehr Tante freuen würde. Da Brigit in letzter Zeit viel geübt hatte, war ihre Schrift sehr fein und ordentlich geworden und das Briefeschreiben machte ihr Freude. Sorgfältig faltete sie den Brief zusammen und legte ihn ins Couvert.  

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Später würde sie ihn nach unten bringen, damit sie ihn morgen früh einwerfen konnte, wenn die Familie ihren Winterspaziergang machte. 

Sechseläuten

Um sie herum tollte eine Kinderschar. Allesamt waren sie kostümiert und redeten lauthals miteinander. Niemand war ruhig, die Freude und Aufregung war geradezu ansteckend.  

Der Kinderumzug war jedes Jahr wieder ein Plausch für sie. Die ganze Stadt war in Festtagsstimmung und die jauchzende Kindermenge spazierte durch die Strassen.  

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Brigit hatte es dieses Jahr um einiges einfacher mit der langen Strecke des Umzugs. Ihr Kostüm als Burgfräulein war leichter als ihr weites Kleid mit dem Reifrock und der geflochtenen Osterhaube vom letzten Jahr.  

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Sie hatte ihr kleines Körbchen bereits mit ein paar Leckereien gefüllt, die verteilt wurden, Brötchen und Äpfeln, und ein paar Zältli waren auch dabei.  

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Sie wurden von einer Vielzahl an Musikanten begleitet, manche mit Trommeln und andere mit Posaunen. Die Lautstärke war ohrenbetäubend. Das machte bei den Kindern mächtig Stimmung. Jubelnd und lachend liefen sie hinter- und nebeneinander, sprachen, sie versuchten alle die Musik und die anderen lauten Gespräche zu übertönen, wobei sie noch mehr zum Getöse beitrugen.  

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Ständig entdeckte auch irgendein verkleidetes Edelfräulein oder ein Bube in Perücke und Frack seine Eltern und winkte ihnen. Auf dem Sechseläutenplatz ging es auch geschäftig zu und her, der Böög wurde nämlich für den Nachmittag aufgebaut. Darauf freute Brigit sich ebenfalls. Überhaupt fand sie den gesamten Feiertag wunderbar.  

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Der schönste Teil war, wenn die Zunft zum Weggen ihrem Namen gerecht wurde, und unterhalb des Grossmünsters Weggli und Semmeli aus den Fenstern warf. Oder vielleicht, wenn sie mit dem Rest der Familie eine Bratwurst zu Mittag ass, während sie all die Verkleidungen und Dekorationen bewunderten. Oder vielleicht doch, wenn der Böög endlich angezündet wurde und alle ganz aufgeregt darauf warteten, dass der Kopf explodierte. Obwohl die Wartezeit nach dem anfänglichen Anzünden des Scheiterhaufens sehr schnell sehr langweilig wurde. Dann war doch eher das Explodieren des Kopfes spannend. Oder doch der Kinderumzug?  

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Mittlerweile war sie schon das zweite Mal beim Sechseläuten mit dabei und es war noch immer absolut überwältigend. Auch letztes Jahr war sie auch hin und weg gewesen, in dem weissen Kleid und dem Osterhäubchen war sie stolz mitgelaufen. Nach dem Umzug war sie vollkommen erschöpft gewesen, dennoch hatte der Feiertag einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen bekommen.  

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Lachend spazierte sie neben den anderen Burgfräulein durch die Zürcher Strassen und winkte eifrig den Zuschauern zu, die den Umzug verfolgten. 

Noa Page          Maturarbeit          Kantonsschule Küsnacht          Klasse 6d

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