
Ferien
Der Matschils in der Nähe von Tresen in Fürstentum Liechstenstein war der Ort in dem Brigitte mit ihrer Pflegefamilie im Sommer Urlaub machte. Manchmal mit der Familie, manchmal auch nur die Kinder, verbrachten sie einige Wochen im Sommer in der idyllischen Berglandschaft.
Ferien auf dem Matschils
Langsam ruckelte der Wagen dem Feld entlang zur Strasse. Sie sass hinten auf dem Heuwagen und liess ihre Beine baumeln, während sie die Landschaft bewunderte.
Den ganzen Vormittag über hatte Brigit dem Bauern beim Heuen geholfen. Ihre Wangen waren von der harten Arbeit noch gerötet, aber die Sonne schien ihr lustig ins Gesicht und der Geruch von warmem Heu stieg ihr in die Nase. Wie gern war sie auf dem Matschils! Die Luft war schön warm und es gab viele feine Früchte zu essen. Bestimmt gab es keinen schöneren Ort im Sommer als den hier! Sie konnte nach Herzenslust auf den Wiesen herumtollen und mit Pascha, dem Hund, spielen. Den lieben langen Tag lang schien die Sonne und die Vögel zwitscherten um die Wette.
Morgens durfte sie manchmal mit zum Beck, um Brot zu holen. Der Beck verkaufte auch kleine Milchbrötchen mit Hagelzucker, von denen sie sonntags welche haben durften. Sie waren weich und süss und wunderbar. Auf dem Bauernhof angekommen liess Brigit sich vom Bauern vom Wagen heben und rannte ins Haus, um sich die Hände zu waschen.
Die Bäuerin hatte gesagt, zum Mittagessen bleibe noch etwas Zeit, also setzte sie sich auf ihr Bett, holte ein Blatt Papier und ihre Schachtel Farbstifte hervor und begann, einen Brief an Mami zu schreiben. Sie vermisste den Rest der Familie zwar sehr, aber Brigit hatte hier eine gute Zeit und bekam Briefe von Mami und Anita. Ausserdem ging die Familie in ein paar Tagen zusammen auf den Gupf, sie würde die anderen also bald wiedersehen.
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Wann immer sie allein war, zeichnete sie viel und stellte selbstgepflückte Blumen in die kleine Vase auf dem Nachttischchen, damit es im ganzen Zimmer nach Sommer roch. Das kleine Kämmerchen gefiel ihr gut, es war hell gestrichen und mit Holzmöbeln bestückt und hatte ein Fenster, welches zu den Wiesen gerichtet war. Nur waren die Wände nicht besonders dicht und die Holztreppe, die nach unten in Wohnzimmer und Küche führte, knarzte recht laut, wann immer jemand hinauf- oder hinunterging. Zum Glück hatte Brigit einen tiefen Schlaf und wachte abends nicht mehr auf, wenn die anderen ins Bett gingen.
Der Bauer behauptete stets, das sei wegen der guten Luft, die sei viel besser als die in der Stadt, hier sei nämlich der Sommer in der Luft. Brigit fand, dass es eher die Müdigkeit war, die daher rührte, dass sie den ganzen Tag draussen war und entweder gespielt oder gearbeitet hatte. Manchmal fielen ihr beim Abendessen vor Erschöpfung schon beinahe die Augen zu.
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Was den Sommer anging, hatte der Bauer ihrer Meinung nach allerdings Recht, obwohl es für die Stadt ziemlich schwierig sein dürfte, nach Blumenwiese und Heu zu riechen, wenn diese Dinge weit und breit nicht aufzufinden waren. Wenn es dafür nach frischer Limonade und Seewasser duftete, kam das dem Sommer schon ziemlich nah.
Morgen würde sie mit Micha eine Decke mit auf die Wiese nehmen. Ein paar Wurst- und Käsebrote und eine Flasche Limonade würde die Bäuerin ihr einpacken und sie könnten hinter dem Haus ein feines Zvieri essen. Danach könnte sie sich hinlegen und in der Sonne faulenzen, bevor sie fangen spielten und Purzelbäume schlugen. Sie könnte noch einmal mit Pascha laufen gehen, auf dem langen Weg den Feldern entlang.
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«Zmittag» rief jemand von unten. Geschwind packte Brigit ihre Stifte wieder zusammen, zog sich die Finken an und machte sich auf den Weg zur Küche.
Ferien auf dem Matschils - Kätzchen
Gespannt warteten die kleinen Mädchen im Garten des Bauernguts. Um sie herum erstreckten sich die weiten grünen Wiesen, die hin und wieder dank der farbigen Blumen rot, gelb und violett gesprenkelt waren.
Die Luft roch nach frischem Gras und Petrichor vom ersten Sommergewitter am Tag zuvor. Ein paar Kühe grasten nicht weit vom Haus und Wasser plätscherte in einem Brunnen im Hof vor sich hin.
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All dies interessierte die beiden Mädchen aber herzlich wenig, denn sie erwarteten Neuankömmlinge. Die Katze der Bauern war nämlich schwanger gewesen. Die Bäuerin hatte es ihnen erzählt, als sie vormittags angekommen waren.
Vier kleine Kätzchen waren vor etwa einer Woche auf die Welt gekommen und die Mädchen platzten fast vor Vorfreude, seit sie davon erfahren hatten.
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Endlich durften sie hinein und sahen dort im Wohnzimmer auf einer weichen Stoffdecke vier Fellknäuel, die herumtollten. «Ihr dürft sie streicheln, aber seid ja vorsichtig!» mahnte der Bauer. Die Mädchen nickten brav und setzten sich neben die Decke. Behutsam fuhr Brigit mit der Hand über das getigerte Fell des Katzenkindes. Es war weich und geschmeidig.
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Neben ihr hatte Anita ein dunkles Kätzchen auf ihren Schoss genommen und kraulte ihm die Ohren. Das Kätzchen hatte sich auf ihrem Schoss zusammengerollt und schnurrte ausgiebig.
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Die Bäuerin zeigte ihnen, wie man ein Katzenjunges sachte wiegt und die Mädchen machten es ihr nach. Das sei nötig, sagt sie ihnen, für ihre Verdauung. In den ersten Wochen ihres Lebens würden sich Katzenbabys nämlich ausschliesslich von Muttermilch ernähren, und zwar immer nur von ein paar Tröpfchen aufs Mal, da ihre Mägen sehr empfindlich seien.
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So sassen die Mädchen also auf dem Boden und schmusten mit den kleinen Kätzchen, bis diese schnurrend einschliefen. Die Kätzchen hatten noch winzige, leicht zerknautschte Gesichter und wirkten so zerbrechlich, dass man sie nur mit Samthandschuhen anfassen wollte, wie das feine, goldverzierte Porzellan, das Mami im Geschirrschrank ganz oben aufbewahrte, sodass die Kinder nicht daran herankamen.
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Lächelnd fuhr Brigit mit der Hand noch einmal über das kleine Köpfchen und summte leise vor sich hin. Das Katzenkind schmiegte sich an ihre Hand und gab einen hellen, weichen Ton von sich.