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Theater und Film

Brigitte hatte eine lebenslange Verbindung zum Theater und dem Film, und offensichtlich auch ein Talent. Ihre Pflegemutter hatte sie als kleines Mädchen dem Schauspielhaus vorgestellt und Brigitte hatte schon 1950 zwei Rollen erhalten, eine im Stück Don Carlos, in dem sie im Zürcher Schauspielhaus neben Maria Becker spielte, sowie im ersten Schweizer Film der in Farbe gedreht wurde. 

Das Ballett

Mit grossen Augen schaute sie von ihrem Platz neben Anita zur Bühne hinauf. Sie sassen etwas weit rechts, dessen ungeachtet war die Aussicht atemberaubend. Die Ballerina glitt in ihrer blauen Tracht grazil über die Bühne und drehte Pirouetten. Auf dem Kopf trug sie eine ausladende Flechtkrone in den unterschiedlichsten Farben. Von ihrem Tanzpartner wurde sie in die Luft gehoben, als sei sie federleicht. 

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Die Musik, die aus dem Orchestergraben ertönte, war schwungvoll und äusserst dramatisch.

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Wie umwerfend schön die Kleider waren, allesamt sahen die Tänzerinnen und Tänzer aus wie Prinzessinnen und Prinzen aus einem Märchen. Der Geschichte war auch schwierig zu folgen. Da war sie dankbar, dass Mami ihr die Handlung des Balletts geschildert hatte, Bevor die zur Aufführung gegangen waren. 

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«Les Noces» hiess das Ballett und es handelte von einer Hochzeit. Das Stück spielte in Russland und alle waren ganz traditionell gekleidet und feierte ausgelassen. Die Musik war so vielfältig, von Klavierstücken zu Schlagzeugintermezzos. Manchmal gab es sogar Gesang, wenn die Chöre auftraten. Es war eine richtig schöne Darbietung.

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Die Musik verklang und gleich darauf erfüllte tosender Applaus die Halle. Von oben auf den Zuschauertribünen warfen Mitglieder Publikums Blumen hinab. Die Tänzer knicksten und verbeugten sich mehrmals und verliessen dann mit anmutigen Sprüngen die Bühne, der Vorhang fiel und die Lichter gingen wieder an.

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 Hellauf begeistert schaute Brigit zu Mami hoch, die ihr freundlich zulächelte. Lauthals fiel sie in den Beifall mit ein und stand auf, genauso wie sie es im Theater tat. Manche Zuschauer pfiffen sogar. Durch ihre Finger pfeifen konnte Brigit selbst zwar nicht, aber dafür klatschte sie genauso laut wie jeder Erwachsene im Raum.

Don Carlos

Hastig schlüpfte sie in das samtene Kostüm mit dem weiten Rock und den vielen Rüschen. Es hatte ganz schön Gewicht, ihr war, als drücke es sie ein paar Zentimeter tiefer zum Boden. 

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Anni, das Mädchen aus der Garderobe half ihr, die Häkchen am Rücken des Kostüms in die Ösen einzuhaken. In der Garderobe herrschte ein ziemliches Wirbel, die Nervosität lag spürbar im Raum. Sie selbst hatte ein tüchtige Portion Lampenfieber im Bauch, welche sie sehr zappelig machte. 

In Kürze würde sie auf der Bühne stehen müssen, vor vielen hundert Leuten. Es kribbelte ihr in den Fingern und ihr war ganz warm im Gesicht.

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 «Halt kurz still» murmelte Anni hinter ihr und zupfte ihr das Kostüm zurecht. Sanft strich Brigit über den weichen Rock und kaum war Anni fertig, bedankte Brigit sich und lief nach oben in Richtung Bühne. 

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Sie liebte das Theater. Geschichten und Verkleidungen waren ihre Leidenschaft. 

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Hier im Schauspielhaus Zürich war alles selbstverständlich um Einiges überwältigender als zu Hause in der Stube, Wenn Anita und sie sich verkleideten und ein Stück ausdachten, dem alle paar Minuten eine neue Figur und ein neuer Handlungsstrang hinzugefügt wurde.

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 Das Bühnenbild hier war gross und bemalt und echt, es bestand nicht nur in ihrer Fantasie. Sie durfte extravagante Kostüme tragen und auf einer richtigen Bühne stehen, mit richtigen Schauspielern. In den feinen Kleidern fühlte sie sich wie eine wahrhaftige spanische Adelstochter. Es machte einen Heidenspass, sich von der überschwänglichen Energie der Mitglieder des Ensembles anstecken zu lassen, sodass sie ganz übermütig wurde. 

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Hinter dem Vorhang war es dunkel und eine Handvoll Menschen eilte umher. 

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Ganz vorne stand der Bühnenmeister, der alle hinter der Bühne dirigierte. Gleich, dachte sie, gleich bin ich dran. Dann würde sie auf der Bühne stehen. Mit dem König und der Königin, und sie würde ihren Text sagen, der kurz war und voll mit alten, vornehmen Wörtern, von denen sie nicht alle verstand. Aber Spass machen würde es. Es würde ein komisches Gefühl sein vor so vielen Leuten zu spielen, doch sie würde es mit genauso viel Hingabe und Freude tun wie in der Stube. 

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In Gedanken ging sie ihren Text nochmals durch und schloss kurz die Augen, um sich zu beruhigen. Tief durchatmen, hatte Anni ihr gesagt, so machten es alle. Also holte sie tief Luft, hielt den Atem ein paar Sekunden lang an und atmete lange aus. Aufmerksam lauschte sie den Schauspielern auf der Bühne und wartete auf ihren Einsatz. 

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Während der Proben hatte sie gelernt, den Text mitzuverfolgen, was Übung bedurft hatte. Mittlerweile konnte sie es jedoch so gut, dass ihr niemand mehr sagen musste, wann sie dran war. 

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Jetzt war es soweit: sie sah noch kurz zum Bühnenmeister hinüber, dieser nickte ihr zu und sie trat vor den Vorhang. 

Grelles Licht schien ihr ins Gesicht und sie sah sich zahlreichen Zuschauern gegenüber. Dennoch schien ihre Nervosität wie verflogen. Sie fühlte sich hellwach und bereit. Leichtfüssigen Schrittes ging sie auf die Königin zu und besann sich ihres Textes. 

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Und sie fing an, zu spielen.

Flieg Ballone, Flieg!

Ein Meer an Farben stieg höher und höher zum Himmel hinauf. Lachend schaute sie ihm nach, um sie herum das Gewusel von Kindern allen Alters. Etwas weiter entfernt standen einige Männer mit grossen Kameras über der Schulter. Die Sonnenstrahlen blendeten etwas, als sie so lange nach oben guckte, aber wenn sie sich gut konzentrierte, schaffte sie es schon.  

 

Es machte ihr einfach eine ungeheure Freude, in der Menge unter jubelnden winkenden Kindern zu stehen. Später durfte sie sogar im Auto ins Tessin fahren. Was für ein Abenteuer es sein würde! Inmitten der lauten Menge war ein einziger Erwachsener. Ein grosser Mann mit Halbglatze und wegen der Sonne zusammengekniffenen Augen. Erneut forderte er die Kinder zur Ruhe auf.  

 

Noch immer war Brigit aufgeregt. Nicht so aufgeregt wie sie es beim Vorsprechen für die Hauptfigur, die Rolle des Ruthli, gewesen war. Mit Mami hatte sie dafür geübt, wie bei der Rolle der kleinen Infanta von Spanien, die sie im Januar gespielt hatte. Hierfür im Film brauchte sie aber bloss einen Satz auf Italienisch zu üben, den sie der Tessinerin aufsagen musste.  

 

Der Wind hatte ihr ins Gesicht geblasen und mit dem bunten Tuch gespielt, welches ihr um den Kopf gebunden worden war, damit ihre blonden Ringellöckchen nicht zu sehr zerzausten. Auch ein feines rotes Kleid hatte sie tragen dürfen, damit man es später auf der Leinwand gut sehen konnte. An den gewaltigen Wasserfällen und am funkelnden Wasser hatte sie sich kaum sattsehen können. Ständig war sie im Auto aufgestanden, hatte sich am vorderen Fenster festgehalten und entzückt auf die farbenfrohen Feldblumen und all die niedlichen Rehe und Kühe, an denen sie vorbeifuhren, gezeigt. Später hatte sie Mami gesehen, nach dem Dreh, und sie hatten in ihrem Hotel am See übernachtet.  

 

Das Tessin gefiel ihr gut, das Wetter war warm und freundlich und die Menschen waren es auch. Heute fuhren sie nur eine kurze Strecke zu dem kleinen Haus, in dem die Tessiner Schauspielerin wartete. Nun stieg sie aus, lief rasch zu der Frau und sich liess sich von ihr hochheben. Lachend legte sie der brünetten Dame die Arme um den Hals und sagte fröhlich: «Mille, mille grazie, Signora Beloni»  

 

Im Jahr 1950 wurde unter der Regie von Kurt Früh ein Werbefilm über die Schweiz gedreht. Es war der erste Farbfilm, der in der Schweiz produziert wurde. Nur etwa eine halbe Stunde lang und von der Praesens-Film AG herausgebracht, die es bis heute noch gibt.  

Meine Grossmutter, Brigitte, die ein Herz fürs Schauspielern hatte, war bereits im Schauspielhaus Zürich aufgetreten in der Aufführung des «Don Carlos» im Jahre 1950.  

Der Film «Fliegt Ballone!» wurde in den Zeitungen als Dokumentarfilm gelobt. Mit der Farbgebung und Musik von Robert Blum war man wohl äusserst stolz auf das Produkt.  

Die Pflegefamilie Näf war künstlerisch veranlagt, besonders die Pflegemutter. Frau Näf hat meiner Grossmutter dem Theater vorgestellt und ihr somit eine lebenslange Leidenschaft auf den Weg mitgegeben.  

Noa Page          Maturarbeit          Kantonsschule Küsnacht          Klasse 6d

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